„Ruhestand“ Georg Verfuß
Am 21.08.2025 trafen wir uns auf unserem Bauhof zu einem gemütlichen Grillfest, um Georg Verfuß in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden. Kolleginnen und Kollegen aus Hemer, Köln und Wipperfürth nutzten die Gelegenheit, bei leckeren Speisen, kühlen Getränken und den letzten Sonnenstrahlen des Tages gemeinsame Erinnerungen zu teilen und ihm für die Zusammenarbeit zu danken.
Ende und Anfang und irgendwas dazwischen
Eine Betrachtung zum Ende eines Lebensabschnitts
Wo ist denn die Zeit geblieben? Gefühlt habe ich gerade erst als junger Hochschulabsolvent meine erste Stelle im väterlichen Familienbetrieb angefangen, um dann kaum drei Jahre später die volle Verantwortung für das Bauunternehmen zu übernehmen. Heute schaue ich in meinen Personalausweis und komme zu dem Schluss, dass es Zeit ist, Verantwortung abzugeben. Dazwischen liegt eine wunderbare Zeit im Beruf eines Bauunternehmers, die mir so viel Freude bereitet, mich inspiriert und herausgefordert hat.
Am Anfang habe ich beim Ausfüllen von Fragebögen unter der Berufsbezeichnung immer „Bauingenieur“ angegeben, denn der Bauunternehmer war ja in jedem Fernsehfilm der Bösewicht, und in diese Ecke wollte ich nicht gestellt werden. Gott sei Dank wurde ich in eine Zeit und in ein Land geboren, wo man ohne Korruption und üble Machenschaften geschäftlich Erfolg haben konnte – der „ehrbare Kaufmann“ hat eine Chance. Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit sind zum Markenzeichen meines Unternehmens geworden.
Der Anfang war schwierig – 1982 erkrankte mein Vater schwer und verstarb noch im selben Jahr. Da stand ich nun mit einer über 100-jährigen Traditionsfirma, 120 Mitarbeitern und wenig Berufserfahrung und das mitten in einer üblen Krise der Bauwirtschaft, von denen ich noch eine ganze Reihe erleben sollte. Mit unbegründetem Selbstvertrauen, mittelmäßigen Beratern und einer treuen Belegschaft ging’s los. Die erste Betriebsversammlung im Hotel Meise hinterließ schon ein mulmiges Gefühl – worauf hatte ich mich da eigentlich eingelassen? So viele Menschen, für die ich nun Verantwortung tragen sollte.
Treue Wegbegleiter wurden wichtig für den Erfolg: Der versierte Buchhalter Hermann Aßheuer führte als kaufmännischer Leiter die ersten EDV-Anwendungen ein. Architekt Dossmann aus Iserlohn vergab wichtige Aufträge an den Newcomer. Lothar Bolz trat als Architekt in das Hochbauunternehmen ein und begründete das „Schlüsselfertige Bauen“.
Vielleicht das Wichtigste – ich lernte meine Frau Christiane kennen, Hochzeit 1988, und gewann neben familiärem Glücksgefühl auch meine wertvollste Ratgeberin.
1989 und 1990 wurden wir Zeugen eines politischen Wunders – die friedliche Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands. Wir wollten Rat geben und wurden Akteure des Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten. Bald entstand die „Verfuß Baukooperation Sachsen“, am Anfang mit fünf sächsischen Bauunternehmen, der Verfuß GmbH und kurz darauf mit dem Architekturbüro Bolz & Partner. Das ganze Konstrukt war eine völlige Neuerfindung in einer historisch einzigartigen Situation, und das Erstaunliche daran ist – es ist im Wesentlichen alles gut gegangen. Gegenseitige Besuche, Schulungen, Erfahrungsaustausch – die Firmen in den Neuen Bundesländern, deren Mehrheitsgesellschafter ich wurde, gediehen im Wiedervereinigungsboom, fanden sich in der neuen, fremden Wirtschaftsordnung zurecht.
Mehrere Krisen und personelle Veränderungen haben das Ganze zwar kräftig durchgeschüttelt und gestrafft, aber auch heute präsentiert sich unsere Kooperation stark mit der Oberlichtenauer Baugesellschaft und der Ostrauer Baugesellschaft. Die Tür zu einer neuen Unternehmensentwicklung war aufgestoßen, neue Führungskräfte wurden gebraucht. Hermann Nölkensmeier und Burkhard Rohländer konnten gewonnen werden und prägten nachfolgend eine ganze Ära. Als Verbindungsmann und Controller für die sächsischen Betriebe stellte ich meinen alten Sportsfreund Henning Treude ein – ein guter Griff, wie man sieht.
Nach wenigen Jahren wechselte Gabi Hinzmann von unserer sehr kompetenten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Märkische Revision in die Firma Verfuß und wurde kaufmännische Leiterin. Mit ihr zusammen begründeten wir das Bauträgergeschäft „Verfuß Haus und Grund“ und die Produktionsfirma für Sanierputze „SOTANO“.
Nach der Wende verstärkten Facharbeiter aus Ostdeutschland unsere Firma, die neue Führung akquirierte größere Aufträge, das Bauunternehmen wuchs und brauchte mehr Platz. Der neue Bauhof an der Mendener Straße wurde gebaut und 1994 eingeweiht.
Manchmal lässt es sich nicht ganz vermeiden Geschäftliches und Privates miteinander zu vermischen, und so zog es mich infolge der Aktivitäten in den Neuen Bundesländern nach Rügen an der schönen Ostsee, wo meine Familie gerne ihren Urlaub verbrachte. An der Strandpromenade in Binz erwarb ich ein Grundstück und baute dort ein Appartementhaus – seitdem für uns und viele Freunde, Gäste und Kollegen ein beliebtes Feriendomizil.
Meine Zeitreise hat jetzt die Jahrtausendwende überschritten, und wir stecken schon wieder in einer Krise. Die Auftragsbestände brechen ein, die Bauwirtschaft hat innerhalb von zehn Jahren die Hälfte der Beschäftigten verloren. Auch in unserem Hemeraner Bauunternehmen musste die Zahl der gewerblichen Mitarbeiter drastisch gesenkt werden. Die damit verbundenen Kündigungen zählen mit zu den schwersten Entscheidungen, die ich in meinem Berufsleben treffen musste. Lösungen aus der Krise suchten wir in der Kooperation mit anderen Bauunternehmen. In der Baumeisterhaus-Gruppe lernten wir viel über Kundenorientierung und Marketing, Gleichgesinnte in der Gruppe wurden uns zu Freunden und Verbündeten. Auch andere Bauunternehmer-Arbeitskreise brachten Inspiration und Innovation mit.
In der prekären Situation der 2000er Jahren wurde systematisch ein Plan erarbeitet – die Firma Verfuß brauchte einen weiteren Standort, möglichst in einer Großstadt mit dynamischer Zukunftsperspektive in NRW. Die Wahl fiel auf Köln. Die sympathische Metropole am Rhein versprach Marktlücken zu bieten, die wir mit unserer westfälischen Zuverlässigkeit füllen konnten.
Aber auch hier brauchte es reisefreudige Mitstreiter, die den Standort in der Ferne mit aufbauten: Hans-Jörg Schneider und Thomas Ostermann als Vorkämpfer, Anton Vornweg ging mit seiner Maurerkolonne für Monate zur „Grube Carl“, Lars Weitkamp und viele andere mehr – ohne großen persönlichen Einsatz ließ sich das „Start-Up“ in Köln nicht vollbringen.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Schon nach wenigen Jahren machten wir die Hälfte unseres Umsatzes im Rheinland.
Trotz aller Expansion ist die Pflege des eigenen Standorts von Bedeutung. Als die Entscheidung fiel, die Landesgartenschau 2010 nach Hemer zu vergeben, war das für meine Heimatstadt ein großer Schritt nach vorne. Danach wurde auch die Regionale 2013 und später 2025 in Südwestfalen ausgerichtet. Ich hatte das Glück durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in der Wirtschaftsinitiative Hemer und in der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer bei beiden Aktionen mitgestalten zu können und damit meine Heimat und die Heimat vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Menschen in der Region ein Stück lebenswerter zu machen.
Für unsere Firma und die Baubranche begannen mit dem Ende der Finanzkrise goldene Jahre. Niedrige Zinsen und viel freies Kapital ließen Immobilien zum begehrten Wirtschaftsgut werden, die Konjunktur am Bau setzte zu immer weiteren Höhenflügen an. Zum 140. Firmenjubiläum wurde 2012 das Bau- lnnovationsforum auf unserem Bauhof eröffnet, in den Folgejahren Treffpunkt und Veranstaltungsort für alle und alles. Zum 150. Firmenjubiläum knackte das Unternehmen 2022 zum ersten Mal die 50 Millionen Euro Umsatzgrenze. Das dreifache Jubiläumsfest hinterließ großen Eindruck, das Feuerwerk war der Höhepunkt für die Belegschaft und die Ehemaligen.
Aber schon damals waren die Anzeichen für ein baldiges Ende des Immobilienbooms unübersehbar: Der inflationäre Anstieg der Baupreise, der Ausbruch des Krieges in der Ukraine, dem folgend steigende Zinsen und ein abruptes Ende der großzügigen Förderpolitik im Wohnungsbau – das alles führte zu einer beispiellosen Bruchlandung der Baukonjunktur. Die Corona-Krise hatten wir trotz aller Befürchtungen noch glimpflich überstanden – mit Solidarität untereinander und guter Organisation. Aber mit diesem neuerlichen Konjunkturdämpfer wuchsen bei mir doch die Sorgen, ob wir unbeschadet durch die nächste Krise kommen würden.
Offensichtlich haben wir unsere Hausaufgaben gemacht: Die beste Marketing-Aktion war offenbar das Firmenjubiläum, die Stammkunden und Geschäftspartner sind uns treu wie eh und je, die Mitarbeiterschaft ist bestens besetzt, die Organisation funktioniert infolge Qualitätsmanagements einwandfrei. Damit eröffnet sich für mich die Chance, den Plan umzusetzen, den ich mir schon vor vielen Jahren überlegt habe, nämlich pünktlich zu meinem 70. Geburtstag die Geschäftsleitung des Bauunternehmens in andere Hände zu geben.
Aus diesem Grund habe ich bereits vor 10 Jahren Henning Treude zum weiteren Geschäftsführer berufen und fünf Jahre später mit Benjamin Kreuzer die perfekte technische Ergänzung gefunden. Wir als Team haben in den letzten Jahren die erfolgreichste Zeit der Firmengeschichte eingeleitet, und ich bin fest davon überzeugt, dass unter der Leitung der beiden der Betrieb auch in Zukunft stabil und erfolgsorientiert weitergeführt wird.
Zur Geschäftsleitung gehören ferner die erprobte Runde der Prokuristen Oliver Giele, Christopher Kinzel, Thomas Ostermann und Lars Weitkamp, zu denen aktuell noch Julia Debudaj-Korte und Michael Cronacher als Gesamtprokuristen stoßen werden, sowie die erfahrenen Abteilungsleiter Andreas Jakob, Markus Schmidt und Marco Abels. Ganz wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat.
Zu all diesen Führungskräften und zu allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe ich größtes Vertrauen. Das macht mich so sicher, dass ich ein gut bestelltes Haus hinterlasse, in dem der „Verfuß-Spirit“ auch weiterhin erfolgreich gelebt werden kann.
„Hier bauen Menschen für Menschen“ ist auch so ein Slogan, der uns über die Jahrzehnte begleitet. Deshalb noch ein paar Tipps, wie das zu verstehen ist:
Jeder zählt zuerst als Mensch und dann als Fachmann mit der Aufgabe, die ihm im Unternehmen zugeteilt ist. Jeder Mensch und jede Aufgabe verdienen Respekt. Jede Meinung sollte gehört werden – auch wenn die Mehrheit eine andere hat. Entscheiden muss und wird die Geschäftsführung- und künftig ganz gewiss nicht ich, auch wenn ich mich auch in Zukunft recht häufig im Betrieb blicken lassen werde. Es lohnt sich immer einen Schritt mehr zu gehen als verlangt, gerade gegenüber unseren Kunden, denen wir unseren Erfolg am Ende verdanken.
Oft werde ich gefragt, wie ich mit der neuen Situation genannt „Ruhestand“ umgehen werde. Für mich ist es ein Beiseitetreten und ein Neuanfang. Immerhin habe ich ja noch Aufgaben als Gesellschafter hier und in Sachsen, bin auch weiterhin Geschäftsführer unserer Holding Verfuß Haus und Grund gemeinsam mit Christopher Kinzel.
Dann gibt es noch allerlei ehrenamtliche Aufgaben, die Zeit erfordern. Ein wenig werde ich beratend im Bauunternehmen bleiben und ansonsten die Freiheit genießen, nicht mehr für Aufträge, Reklamationen und den täglichen Kleinkram zuständig zu sein. Ich freue mich darauf, nicht mehr alles entscheiden zu müssen und meine Meinung auch mal für mich behalten zu dürfen. Ansonsten lasse ich mich überraschen, was das Leben noch für mich bereithält.
Zum Abschluss sage ich Danke. Es war eine tolle Zeit mit euch. Und sie ist noch nicht zuende.
Georg Verfuß
Hemer, 08.07.2025



























